Ist Multiple Sklerose heilbar? Stand der Medizin und neue Ansätze

Wie gut lässt sich MS behandeln
Inhaltsverzeichnis

Multiple Sklerose gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen des jungen Erwachsenenalters.1 Viele Menschen stellen sich nach der Diagnose eine zentrale Frage: Ist Multiple Sklerose heilbar? Die kurze Antwort lautet: Nein, derzeit ist Multiple Sklerose nicht heilbar.2

Die gute Nachricht ist jedoch, dass sich die Behandlung der Erkrankung in den letzten Jahrzehnten stark verbessert hat. Moderne Therapien können den Verlauf verlangsamen, Schübe reduzieren und vielen Patienten ein relativ normales Leben ermöglichen. Außerdem arbeitet die medizinische Forschung intensiv an neuen Ansätzen, die künftig sogar Reparaturmechanismen im Nervensystem aktivieren könnten.

Was ist Multiple Sklerose? Das Wichtigste in Kürze

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie betrifft Gehirn und Rückenmark. Bei dieser Krankheit greift das Immunsystem irrtümlich körpereigene Strukturen an.3 Besonders betroffen sind die Myelinscheiden. Diese schützen die Nervenfasern und sorgen dafür, dass elektrische Signale im Nervensystem schnell übertragen werden. Wenn das Myelin beschädigt wird, entstehen Entzündungen und sogenannte Läsionen im Gehirn oder Rückenmark.4 Dadurch können Signale zwischen Nervenzellen langsamer oder gar nicht mehr weitergeleitet werden. Die Folgen sind sehr unterschiedlich. Manche Menschen haben nur leichte Beschwerden. Andere entwickeln im Verlauf stärkere neurologische Symptome.

Ist Multiple Sklerose heilbar?

Es gibt bislang keine Behandlung, die die Ursache der Krankheit vollständig beseitigen kann. Dennoch hat sich die Therapie in den letzten Jahren deutlich verbessert.5 Moderne Medikamente und alternative Behandlungsmethoden können:

  • Aktivität der Erkrankung reduzieren
  • Neue Entzündungen verhindern
  • Fortschreiten der Behinderung verlangsamen

Viele Patienten erleben dadurch deutlich weniger Krankheitsschübe und können ihren Alltag lange selbstständig gestalten.

Die Behandlung konzentriert sich deshalb auf drei Ziele: Entzündungen kontrollieren, Symptome lindern und Lebensqualität verbessern.

Ursachen der Multiplen Sklerose

Die genauen Ursachen der Erkrankung sind noch nicht vollständig geklärt. Experten gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenwirken.6

Autoimmunreaktion

Der wichtigste Mechanismus ist eine Fehlreaktion des Immunsystems. Dabei greifen Immunzellen das Myelin im Nervensystem an.

Genetische Faktoren

Multiple Sklerose ist nicht direkt vererbbar. Dennoch können genetische Einflüsse eine Rolle spielen. Menschen mit betroffenen Familienmitgliedern haben ein etwas höheres Risiko.

Umweltfaktoren

Auch äußere Faktoren können zur Entstehung beitragen. Dazu gehören zum Beispiel:7

  • Vitamin-D-Mangel
  • Bestimmte Virusinfektionen wie zum Beispiel das Epstein-Barr-Virus (EBV) oder das Humanes Herpesvirus 6 (HHV-6)
  • Rauchen
  • Lebensstilfaktoren

Die Krankheit entsteht wahrscheinlich durch ein Zusammenspiel dieser Einflüsse.

Symptome der Multiplen Sklerose

Die Symptome der Erkrankung sind sehr unterschiedlich. Sie hängen davon ab, welche Bereiche des Nervensystems betroffen sind. Typische Symptome sind:

  • Sehstörungen
  • Taubheitsgefühle
  • Kribbeln in Armen oder Beinen
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Muskelschwäche
  • Starke Müdigkeit (Fatigue)
  • Konzentrationsprobleme

Ein bekanntes neurologisches Zeichen ist das Lhermitte-Zeichen. Dabei verspüren Betroffene beim Beugen des Kopfes ein elektrisierendes Gefühl entlang der Wirbelsäule. Viele Patienten erleben außerdem sogenannte Schübe. Dabei verschlechtern sich Symptome plötzlich und halten mehrere Tage oder Wochen an. Eine häufige Form der Erkrankung ist die schubförmig-remittierende Multiple Sklerose (RRMS). Bei ihr wechseln sich Phasen mit Symptomen und Phasen der Erholung ab.

MS Symptome im Überblick

Wie wird Multiple Sklerose diagnostiziert?

Die Diagnose erfolgt meist durch einen Neurologen. Mehrere Untersuchungen werden kombiniert. Zu den wichtigsten Diagnoseverfahren gehören:

MRT (Magnetresonanztomographie)

Mit dieser Bildgebung können typische Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark sichtbar gemacht werden.

Liquoruntersuchung

Dabei wird Nervenwasser aus dem Rückenmark entnommen. Bestimmte Entzündungsmarker können Hinweise auf die Erkrankung geben.

Neurologische Tests

Zusätzlich werden Reflexe, Bewegungen und Sensibilität untersucht.

Eine frühe Diagnose ist wichtig. Sie ermöglicht eine rechtzeitige Therapie und kann den Verlauf der Krankheit positiv beeinflussen.

Wie wird Multiple Sklerose behandelt?

Die Behandlung besteht aus verschiedenen Therapieformen.

Verlaufsmodifizierende Therapie

Diese Medikamente beeinflussen das Immunsystem. Ziel ist es, Entzündungen zu reduzieren und neue Schäden im Nervensystem zu verhindern. Beispiele für moderne MS-Medikamente sind:

  • Interferone
  • Natalizumab
  • Ocrelizumab
  • Fingolimod

Sie gehören zur sogenannten krankheitsmodifizierenden Therapie.

Behandlung von Schüben

Akute Krankheitsschübe werden häufig mit Kortisonpräparaten behandelt. Diese Medikamente können Entzündungen im Nervensystem schnell reduzieren.

Symptomatische Therapien

Viele Symptome lassen sich gezielt behandeln. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Schmerztherapie
  • Physiotherapie
  • Behandlung von Muskelspastik
  • Unterstützung bei Fatigue

Auch Rehabilitation kann helfen, Beweglichkeit und Selbstständigkeit zu erhalten.

Unterstützende Maßnahmen für mehr Lebensqualität

Neben medizinischen Therapien können weitere Maßnahmen den Alltag mit der Erkrankung erleichtern.

Ernährung und Lebensstil

Auch eine spezielle Diät kann Multiple Sklerose nicht heilen. Dennoch unterstützt eine ausgewogene Ernährung den allgemeinen Gesundheitszustand. Experten empfehlen eine entzündungsarme Ernährung mit:

  • Viel Gemüse und Obst
  • Gesunden Fetten
  • Wenig stark verarbeiteten Lebensmitteln

Darüber hinaus ist regelmäßige Bewegung ein wichtiger Faktor. Regelmäßige Aktivität kann Muskeln stärken, Müdigkeit reduzieren und das Wohlbefinden insgesamt verbessern.

Medizinisches Cannabis

In den letzten Jahren wurde auch medizinisches Cannabis als mögliche unterstützende Behandlung untersucht. Mehrere Studien zeigen, dass Cannabinoide bestimmte Symptome verbessern können.

Eine große Cochrane-Analyse mit 25 randomisierten Studien und rund 3700 Patienten fand Hinweise darauf, dass Cannabisprodukte die Muskelspastik bei MS reduzieren können.8

Eine Metaanalyse mit 17 Studien und über 3000 Patienten zeigte zudem kleine, aber signifikante Verbesserungen bei neuropathischen Schmerzen.9

Auch bei Blasenproblemen wurden positive Effekte beobachtet. In einer klinischen Studie mit 135 Patienten verringerte ein THC-/CBD-Mundspray die Häufigkeit des Wasserlassens und nächtliche Toilettengänge.10

Eine weitere Studie mit über 600 Teilnehmern zeigte eine Reduktion von Inkontinenzepisoden um etwa 33 bis 38 Prozent unter Cannabinoiden, verglichen mit rund 18 Prozent unter Placebo.11

Wichtig ist jedoch: Medizinalcannabis kann Symptome lindern, behandelt aber nicht die Ursache der Erkrankung.

Lebenserwartung bei Multipler Sklerose

Studien zeigen, dass die Lebenserwartung von Menschen mit MS heute nur noch leicht reduziert ist. Im Durchschnitt liegt sie etwa 5 bis 10 Jahre unter der allgemeinen Bevölkerung.12 Viele Betroffene erreichen jedoch ein hohes Alter. Die Prognose hängt stark von verschiedenen Faktoren ab:

  • Krankheitsform
  • Frühe Diagnose
  • Konsequente Behandlung
  • Allgemeine Gesundheit

Ein aktiver Lebensstil und eine gute medizinische Betreuung können den Verlauf positiv beeinflussen.

Wird MS irgendwann heilbar sein? Neue Forschung

Die Forschung arbeitet intensiv an neuen Therapien. Ein besonders vielversprechender Ansatz ist die sogenannte Remyelinisierung.13 Dabei sollen beschädigte Myelinscheiden im Nervensystem repariert werden. Wissenschaftler untersuchen zum Beispiel Mechanismen, die die Reifung von Oligodendrozyten beeinflussen. Diese Zellen können neue Myelinschichten bilden.14 Wenn es gelingt, solche Reparaturprozesse gezielt zu aktivieren, könnte dies künftig eine völlig neue Form der Behandlung ermöglichen. Auch Stammzelltherapien und neue Immuntherapien werden derzeit erforscht.

Fazit

Multiple Sklerose ist derzeit nicht heilbar. Die Erkrankung bleibt eine chronische neurologische Krankheit. Dennoch haben moderne Therapien die Behandlung deutlich verbessert. Medikamente können Entzündungen kontrollieren, Schübe reduzieren und den Verlauf der Krankheit verlangsamen. Unterstützende Maßnahmen wie Bewegung, Rehabilitation und medizinisches Cannabis können zusätzlich helfen, Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Es gibt mehrere Wege, ein Rezept zu erhalten. Wie genau der Prozess und welche Voraussetzungen erforderlich sind, beschreibt dieser weiterführende Artikel: Cannabispatient werden

Die medizinische Forschung arbeitet weiter intensiv an neuen Therapien. Besonders Ansätze zur Reparatur des Nervensystems könnten in Zukunft wichtige Fortschritte bringen.

FAQ

Ist Multiple Sklerose heilbar?

Nein. Die Erkrankung gilt derzeit als chronisch und nicht heilbar. Eine passende Therapie kann jedoch den Verlauf der Multiplen Sklerose deutlich beeinflussen. Viele Patienten leben heute über viele Jahre relativ stabil mit der Multiplen Erkrankung, wenn eine frühzeitige Therapie begonnen wird.

Ist Multiple Sklerose tödlich?

Viele Menschen fragen sich nach der Diagnose, ob die Krankheit lebensbedrohlich ist. Die gute Nachricht ist: Multiple Sklerose ist selten direkt tödlich. In den meisten Fällen sterben Patienten nicht an der Erkrankung selbst, sondern an Begleiterkrankungen oder Komplikationen. Dank moderner Therapien und besserer medizinischer Versorgung hat sich die Prognose in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert.

Welche Rolle spielt moderne Medizin bei der Behandlung?

Die heutige Medizin konzentriert sich darauf, Entzündungen zu reduzieren und neue Schäden im Nervensystem zu verhindern. Ziel jeder Therapie ist es, den Verlauf der Multiplen Sklerose zu stabilisieren und das Leben der Patienten langfristig zu verbessern.

Kann man trotz Multipler Sklerose ein normales Leben führen?

Viele Menschen mit Multipler Sklerose führen über viele Jahre ein aktives Leben. Entscheidend sind eine frühzeitige Therapie, regelmäßige medizinische Betreuung und der Austausch mit anderen Patienten oder Beratungsstellen wie der DMSG, bei denen man jederzeit Kontakt aufnehmen kann.

Wo können sich Betroffene weiter informieren?

Eine wichtige Anlaufstelle ist die DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft). Dort erhalten Patienten und Angehörige Informationen zur Multiplen Erkrankung, zur passenden Therapie sowie zu Beratungsangeboten. Über die Website der DMSG kann man auch direkt Kontakt zu regionalen Beratungsstellen aufnehmen.


  1. Reich DS, Lucchinetti CF, Calabresi PA. Multiple Sclerosis. New England Journal of Medicine. 2018. ↩︎
  2. Thompson AJ et al. Multiple sclerosis. The Lancet. 2018. ↩︎
  3. Reich DS, Lucchinetti CF, Calabresi PA. Multiple Sclerosis. NEJM 2018. ↩︎
  4. Filippi M et al. Multiple sclerosis. Nature Reviews Disease Primers. 2018. ↩︎
  5. Kuutti K et al. Mortality and causes of death for people with multiple sclerosis. ↩︎
  6. Olsson T, Barcellos LF, Alfredsson L. Interactions between genetic, lifestyle and environmental risk factors for multiple sclerosis. Nature Reviews Neurology. 2017. ↩︎
  7. Bjornevik K et al. Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein–Barr virus associated with multiple sclerosis. Science / Nature Reviews Neurology. ↩︎
  8. Cochrane Review: Cannabis and cannabinoids for symptomatic treatment for people with multiple sclerosis. ↩︎
  9. Torres-Moreno MC et al. Assessment of efficacy and tolerability of medicinal cannabinoids in patients with multiple sclerosis. 2018. ↩︎
  10. Kavia R et al. Randomized controlled trial of Sativex to treat detrusor overactivity in multiple sclerosis. 2010. ↩︎
  11. Freeman RM et al. The effect of cannabis on urge incontinence in patients with multiple sclerosis. 2006. ↩︎
  12. Zarranz A et al. Mortality and cause of death in multiple sclerosis. ↩︎
  13. Franklin RJM, Ffrench-Constant C. Remyelination in the CNS: from biology to therapy. Nature Reviews Neuroscience. ↩︎
  14. Franklin RJM, Goldman SA. Glia Disease and Repair – Remyelination. Nature Reviews Neuroscience. ↩︎