Cannabinoide (engl. Cannabinoids) sind im Kern chemische Verbindungen. Eine dieser Verbindungen, das THC, dockt im menschlichen Körper an bestimmte Rezeptoren an1 (sog. Cannabinoid-Rezeptoren). Bekannt wurden Cannabinoide vor allem durch die Hanfpflanze Cannabis sativa. Dort kommen mehr als hundert verschiedene vor, darunter THC und CBD. Sowohl THC als auch CBD werden medizinisch untersucht und immer häufiger in Arzneimitteln eingesetzt.
Doch Cannabinoide sind inzwischen auch weit über den medizinischen Bereich hinaus zu finden: beispielsweise in Diskussionen über grundsätzliche Cannabis-Legalisierung, Nahrungsergänzungsmittel oder synthetische Ersatzstoffe. Gleichzeitig herrscht oft Unklarheit darüber, was Cannabinoide eigentlich sind, wie sie im Körper funktionieren und worin sich natürliche und synthetische Varianten unterscheiden.
The most important facts in brief
- Cannabinoide sind Stoffe, die mit dem sogenannten Endocannabinoidsystem (ECS) des Körpers interagieren.
- Sie kommen natürlich in der Cannabispflanze vor oder werden künstlich hergestellt.
- Zu den bekanntesten Cannabinoiden zählen THC und CBD.
- THC kann spürbare psychoaktive Veränderungen im Körper hervorrufen, während CBD in der Medizin als Anxiolytika, also angstlösend, eingestuft wird.
- Synthetische Cannabinoide unterscheiden sich deutlich von natürlichen Varianten und stehen häufig im Zusammenhang mit gesundheitlichen Risiken.
- Die rechtliche Lage hängt vom jeweiligen Inhaltsstoff und dessen Verwendung ab.
Was sind Cannabinoide einfach erklärt?
Cannabinoide sind Moleküle. Darunter ist THC das einzige Cannabinoid, das an sogenannte Cannabinoid-Rezeptoren im Körper gebunden wird. Diese Rezeptoren gehören zum Endocannabinoidsystem — einem biologischen Netzwerk, das unter anderem an Signalprozessen im Nervensystem beteiligt ist.
Grundsätzlich lassen sich Cannabinoide in drei Gruppen unterscheiden:
| Art | Description |
| Phytocannabinoide | Natürliche Cannabinoide aus der Cannabispflanze |
| Endocannabinoide | Stoffe, die der Körper selbst produziert |
| Synthetische Cannabinoide | Künstlich hergestellte Cannabinoide |
Die bekanntesten pflanzlichen Cannabinoide sind:
- THC (tetrahydrocannabinol)
- CBD (cannabidiol)
- CBG (Cannabigerol)
- CBN (Cannabinol)
Diese Stoffe unterscheiden sich chemisch und beeinflussen den Organismus auf unterschiedliche Weise.
Wie funktionieren Cannabinoide im Körper?
Im menschlichen Körper gibt es spezifische Rezeptoren, die auf Cannabinoide reagieren. Die beiden wichtigsten Vertreter sind die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. CB1-Rezeptoren befinden sich vorwiegend im zentralen Nervensystem, sind jedoch auch in zahlreichen peripheren Geweben nachweisbar. CB2-Rezeptoren kommen hauptsächlich auf Zellen des Immunsystems sowie, genauso wie bei CB1, in verschiedenen peripheren Geweben vor.
Wenn Cannabinoide an diese Rezeptoren andocken, verändern sich bestimmte Signalabläufe zwischen Nervenzellen und anderen Zellen des Körpers. Welche Prozesse betroffen sind, hängt unter anderem vom jeweiligen Cannabinoid, der Menge und der individuellen körperlichen Situation ab. THC kann sowohl an CB1- als auch an CB2-Rezeptoren binden. Seine Wirkung auf CB1-Rezeptoren wird unter anderem mit Veränderungen von Wahrnehmung, Koordination und Stimmung in Verbindung gebracht. CBD verhält sich anders: Es bindet nicht in gleicher Weise an CB1- oder CB2-Rezeptoren und beeinflusst das Endocannabinoid-System über andere Mechanismen. Daher wird CBD häufig getrennt von THC betrachtet.
Das Endocannabinoidsystem verständlich erklärt
Das Endocannabinoidsystem besteht aus drei zentralen Bestandteilen:
- Rezeptoren
- Körpereigenen Endocannabinoiden
- Enzymen zum Abbau dieser Stoffe
Der menschliche Körper produziert selbst cannabinoidähnliche Stoffe. Dazu zählen unter anderem Anandamid und 2-AG2. Diese Endocannabinoide dienen der Signalübertragung zwischen Zellen. Das System wurde erst in den 1990er-Jahren genauer erforscht. Seitdem untersucht die Wissenschaft, welche Funktionen es im Organismus erfüllt und wie externe Cannabinoide mit diesem Netzwerk interagieren3.

Welche Cannabinoide gibt es?
In der Cannabispflanze wurden bislang mehr als 100 Cannabinoide identifiziert4. Viele davon kommen nur in sehr kleinen Mengen vor.
Die bekanntesten Cannabinoide
| Cannabinoid | properties |
| THC | Hauptbestandteil medizinischer Cannabispräparate, insbesondere in der Schmerztherapie |
| CBD | Häufig vorkommender Nebenbestandteil medizinischer Cannabispräparate |
| CBG | Ausgangsstoff anderer Cannabinoide |
| CBN | Entsteht beim Abbau von THC |
Neben diesen Stoffen existieren zahlreiche weitere Varianten, die teilweise erst seit wenigen Jahren wissenschaftlich untersucht werden.
Natürliche vs. synthetische Cannabinoide
Natürliche Cannabinoide stammen aus der Cannabispflanze. Synthetische Cannabinoide werden dagegen im Labor hergestellt. Chemisch können sich synthetische Stoffe stark von natürlichen Cannabinoiden unterscheiden. Die Entwicklung einiger erfolgte ursprünglich für Forschungszwecke. Andere tauchten später als Inhaltsstoffe sogenannter Kräutermischungen oder Cannabis-Ersatzprodukte auf.
Im Gegensatz zu pflanzlichen Cannabinoiden lassen sich synthetische Varianten oft schwer einschätzen, da Zusammensetzung, Reinheit und Dosierung teilweise erheblich variieren. Während THC als partieller Agonist an Cannabinoid-Rezeptoren wirkt, fungieren viele synthetische Cannabinoide als Vollagonisten. Dadurch können sie eine deutlich stärkere Aktivierung der Rezeptoren auslösen und sind mit einem höheren Risiko für unerwünschte Wirkungen verbunden. Zusätzlich können Verunreinigungen aus dem chemischen Syntheseprozess die gesundheitlichen Risiken weiter erhöhen.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) sowie die World Health Organization (WHO) weisen auf gesundheitliche Risiken synthetischer Cannabinoide hin. Genannt werden unter anderem neurologische und kardiovaskuläre Komplikationen sowie akute Vergiftungserscheinungen.
THC, CBD & Co. – die wichtigsten Cannabinoide
THC
Das bekannteste Cannabinoid der Cannabispflanze ist THC. Es ist verantwortlich für die psychoaktiven Veränderungen, die mit Cannabis verbunden werden. In der Medizin wird THC unter bestimmten Voraussetzungen eingesetzt, etwa in Form standardisierter Arzneimittel wie Blüten und Extrakte.
CBD
CBD verursacht keine berauschenden Effekte. Dennoch kann es psychische Prozesse beeinflussen, etwa durch seine anxiolytischen Eigenschaften. Wie Dr. Guillermo Moreno-Sanz, wissenschaftlicher Leiter von KHIRON, erläutert:
„CBD ist ebenfalls psychoaktiv, da es angstlösend wirken kann, verursacht jedoch kein berauschendes High.“
Der Stoff wird unter anderem auch in Kosmetikprodukten oder Nahrungsergänzungsmitteln verarbeitet. Die wissenschaftliche Datenlage zu CBD entwickelt sich weiterhin. Da Kosmetikprodukte anderen Richtlinien bei der Qualitätsprüfung unterzogen werden als im medizinischen Einsatz, unterscheiden sich Qualität und Zusammensetzung vieler Produkte.
CBG und CBN
CBG gilt als Vorstufe anderer Cannabinoide. CBN entsteht dagegen beim Abbau von THC, etwa durch Alterung oder Oxidation. Beide Stoffe werden aktuell intensiver erforscht, spielen im Markt aber bislang eine deutlich kleinere Rolle als THC oder CBD.
Cannabinoide in der Medizin
Cannabinoide werden bei unterschiedlichsten Indikationen therapeutisch eingesetzt. In Deutschland dürfen Ärztinnen, Ärzte und Online-Kliniken (Telemedizin) seit 2017 Cannabisblüten und Cannabisextrakte verschreiben. Seit April 2024 gilt Cannabis zu medizinischen Zwecken zudem nicht mehr als Betäubungsmittel und kann auf einem regulären Rezept beziehungsweise per E-Rezept verordnet werden. Grundlage dafür ist das Medizinal-Cannabisgesetz.5
Zum Einsatz kommen vor allem:
- Standardisierte Cannabisblüten
- Cannabisextrakte
- Isolierte Cannabinoide wie Dronabinol
Cannabisblüten enthalten natürliche Cannabinoide der Pflanze in definierter Zusammensetzung. Extrakte werden dagegen pharmazeutisch verarbeitet und ermöglichen eine präzisere Dosierung einzelner Inhaltsstoffe wie THC oder CBD.
Eine ärztliche Verordnung cannabinoidhaltiger Arzneimitteln erfolgt unter anderem bei:
- Chronischen Schmerzen
- Spasticity in multiple sclerosis
- Übelkeit und Erbrechen im Rahmen bestimmter Krebstherapien
- Schlafstörungen und Angstzuständen
- Appetitverlust bei schweren Erkrankungen
Eine häufig zitierte Übersichtsarbeit der US National Academies kam 2017 zu dem Ergebnis, dass es „good evidence“ für den Einsatz von Cannabinoiden bei chronischen Schmerzen, Spastiken und therapiebedingter Übelkeit gibt6.
Auch in Deutschland hat die medizinische Bedeutung von Cannabis deutlich zugenommen.Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wurden im Jahr 2025 rund 201 Tonnen Cannabisblüten und Cannabisextrakte zu medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken nach Deutschland importiert. Damit hat sich die Importmenge gegenüber 2024 (rund 72 Tonnen nach Angaben der ABDA) nahezu verdreifacht.
Die Behandlung erfolgt in der Regel ärztlich begleitet. Welche Darreichungsform verwendet wird, hängt unter anderem von Krankheitsbild, Dosierung und individueller Verträglichkeit ab. Während Cannabisblüten meist inhaliert werden, kommen Extrakte häufig als ölbasierte Zubereitungen oder als Spray zum Einsatz.
Nebenwirkungen und Risiken
In manchen Fällen, bei „üblicherweise weniger als 30 % der Betroffenen“ so Dr. Guillermo Moreno-Sanz, können Cannabinoide unerwünschte Effekte hervorrufen. Welche auftreten, hängt vom jeweiligen Stoff, der Dosierung und individuellen Faktoren ab.
Mögliche Nebenwirkungen umfassen unter anderem:
- Dizziness
- Müdigkeit
- Dry mouth
- Veränderungen von Puls oder Blutdruck
THC-haltige Produkte können zusätzlich Wahrnehmung und Reaktionsfähigkeit beeinflussen. Bei synthetischen Cannabinoiden berichten Behörden häufiger über schwere gesundheitliche Zwischenfälle.
Sind Cannabinoide legal?
Die rechtliche Situation unterscheidet sich je nach Cannabinoid-Stoff und Land. In Deutschland gelten für THC-haltige Produkte andere Vorschriften als für CBD-Produkte. Zusätzlich existieren Regelungen zu Arzneimitteln, Betäubungsmitteln und neuartigen psychoaktiven Stoffen. Synthetische Cannabinoide fallen teilweise unter das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG). Einige Substanzen sind legal, andere ausdrücklich verboten. Da sich die Gesetzeslage regelmäßig ändert, empfiehlt sich bei konkreten Fragen ein Blick auf die aktuelle Rechtslage.
Conclusion
Cannabinoide haben sich von einem Nischenthema zu einem festen Bestandteil medizinischer, politischer und wissenschaftlicher Debatten entwickelt. Mit der Teillegalisierung von Cannabis und vereinfachten Verschreibungen für Cannabisblüten und Extrakte wächst auch das öffentliche Interesse an Cannabinoiden wie Tetrahydrocannabinol (THC) oder Cannabidiol (CBD). Gleichzeitig entwickelt sich die Forschung weiter. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) weist darauf hin, dass medizinisches Cannabis „bei schwerwiegenden Erkrankungen“ eingesetzt werden kann, wenn anerkannte Therapien nicht ausreichend helfen oder nicht infrage kommen.
Klar ist: Das Wissen über Cannabinoide nimmt zu — ebenso wie die Zahl neuer Produkte, Studien und medizinischer Anwendungen.
FAQ zu Cannabinoiden
Was ist der Unterschied zwischen Cannabinoiden und Phytocannabinoiden?
Cannabinoide sind eine Gruppe von Substanzen, deren Bennenung ursprünglich nach der Cannabispflanze erfolgte. Dazu gehören pflanzliche Cannabinoide (Phytocannabinoide), körpereigene Endocannabinoide und synthetische Cannabinoide. Phytocannabinoide sind die Cannabinoide, die natürlicherweise in der Cannabispflanze vorkommen.
Warum werden Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol oft verglichen?
Tetrahydrocannabinol (THC) wirkt berauschend, Cannabidiol nicht. Beide gehören zu den bekanntesten Cannabinoiden im Cannabis.
Gibt es Cannabinoide in Lebensmitteln?
Ja. Cannabidiol wird teilweise in Lebensmittel-Produkten verarbeitet, etwa in Ölen oder Getränken7. Diese dienen in der Regel nicht dem medizinischen Zweck.
Sind synthetische Cannabinoide mit Cannabis vergleichbar?
Nein. Synthetische Cannabinoide unterscheiden sich chemisch von natürlichen Stoffen aus Cannabis.
- Pertwee RG. The pharmacology of cannabinoid receptors and their ligands: an overview. International Journal of Obesity. 2006. ↩︎
- Di Marzo V et al. Endocannabinoids and their metabolic enzymes. Nature Reviews Neuroscience. 2004. ↩︎
- Mechoulam R, Parker LA. The endocannabinoid system and the brain. Annual Review of Psychology. 2013. ↩︎
- ElSohly MA et al. Phytochemistry of Cannabis sativa L. Progress in the Chemistry of Organic Natural Products. 2017. ↩︎
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG). 2024. ↩︎
- National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine. The Health Effects of Cannabis and Cannabinoids. 2017. ↩︎
- European Food Safety Authority (EFSA). Cannabidiol as a novel food. 2022. ↩︎